Bauernbund-Geschichte
Die Historie und Entwicklung des Niederösterreichischen Bauernbundes.

Bauernbund-Geschichte:

1906–2006 im Zeitraffer

Von Paul Gruber

2006 feiert der NÖ Bauernbund das Fest seines 100-jährigen Bestandes.
Im folgenden sollen die wichtigsten Stationen aus der Geschichte und Vorgeschichte aufgezeigt werden – sozusagen im Zeitraffer. Ausführlich wird das Thema in der Festschrift behandelt, die anlässlich des Jubiläums im Juni 2006 erscheint.
Den ersten Paukenschlag für eine Verbesserung des tristen bäuerlichen Loses im
19. Jahrhundert – nämlich untertänig sein zu müssen – gab es am 25. Juli 1848, als Hans Kudlich den Antrag zur Bauernbefreiung einbrachte und ihn auch durchsetzte. Doch die nun freien Bauern konnten damit wenig anfangen – weder wirtschaftlich noch politisch. Die Mehrheit der Bauern produzierte nur für den Eigenbedarf, die wenigen, die auf den Markt gingen, mussten sich der mörderischen Konkurrenz aus den Agrarländern der Monarchie, aber auch aus Russland und Amerika aussetzen. Verschuldung und Zwangsversteigerungen (bis zu 10.000 Fälle im Jahr) waren an der Tagesordnung. Von einer politischen Bauerneinigkeit gab es zunächst keine Spur.

 Die Bauern und Lueger
Viele Versuche waren nötig, bis es zur Bauerneinigkeit und zu einer politischen Standortbestimmung kam.
Die Bauern, die zu 88 Prozent Kleinbauern waren, erkannten, dass sie zusammenarbeiten mussten und gründeten ab 1868, als ein Gesetz dies erlaubte, Vereine aller Art, darunter den Bauernbund „Mittelstraße“ des niederösterreichischen Weinhauers Josef Steiniger. Er sollte über den Parteien stehen, doch mit der Zeit wurde allen klar, dass man einen politischen Partner brauchte, um sich durchzusetzen. Man fand dabei die Christlichsozialen, welche die Bauern als Basis des Staates und der Gesellschaft betrachteten und die mit Karl Lueger, später Bürgermeister von Wien, eine blendende Leitfigur bekamen. Die politischen Führer der Christlichsozialen forderten die Bauern immer wieder auf, sich politisch zu einigen, und es gelang die Gründung von Viertelsvereinen.
 Die Idee war nicht übel
Heute noch kann man im Mayerhofer-Keller in Rohrendorf einen bezeichnenden Wandspruch finden.
„Hier im Kellerstüberl legte man den Grund, die Idee war nicht übel, zum Niederösterreichischen Bauernbund“ steht dort, etwas holprig gedichtet, aber gut gemeint. Tatsächlich gab es nicht nur in Rohrendorf sondern in zahlreichen Gasthäusern, Bauernhöfen usw. in ganz Niederösterreich Versammlungen, um endlich zu einem gesamtniederösterreichischen Bauernbund zu kommen. Dies umso mehr, als im Dezember 1904 der Tiroler Bauernbund gegründet worden war und sich bewährte. Am 24. Juni 1906 war es dann endlich so weit: Im Gasthof „Zum grünen Tor“ in Wien fand die konstituierende Versammlung des NÖ Bauernbundes statt, mit dem populären Wiener Bürgermeister Karl Lueger als Hauptredner. Zum ersten Obmann des NÖ Bauernbundes wurde Josef Stöckler aus St. Valentin gewählt, auch deshalb, weil er seinen 8000 Mitglieder zählenden Mostviertler Bauernverein einbrachte. Gleich nach der Gründung begann man mit dem Aufbau zahlreicher Ortsgruppen.
 Ein glänzender Sieg
Rasch wuchs der 1906 gegründete Bauernbund und trat politisch hervor.
Die Christlichsoziale Partei unter Karl Lueger war zwar an und für sich bauernfreundlich, kalkulierte aber auch, dass sie die Stimmen der Bauern durch die Einführung des allgemeinen Wahlrechts politisch unbedingt brauchte. Der Bauernbund hatte sich inzwischen das Vertrauen der ländlichen Bevölkerung rasant erwerben können. Man brachte ab Oktober l906 den „Bauernbündler“ heraus, es gab den Bauernbundkalender und viele Informationen und Beratungen. Ein Jahr nach der Gründung war die Mitgliederzahl bereits auf über 35.000 angewachsen. Bei den ersten allgemeinen Reichsratswahlen im Jahr 1907 stellten Bauernbund und die Christlichsozialen gemeinsam die Kandidaten auf. Es kam zu einem sensationellen Ergebnis: Von den 31 Abgeordneten Niederösterreichs waren 24 Christlichsoziale.
 Wien und NÖ: Trennung
Nach dem ersten Weltkrieg zeigte sich: Die Sozialisten dominierten in Wien, die Christlichsozialen in Niederösterreich.
Wenn bisher von Niederösterreich die Rede war, gehörte immer auch Wien dazu. Nach dem ersten Weltkrieg zeigten die Landtagswahlen vom 4. Mai 1919: Die Sozialdemokraten dominierten in Wien, die Christlichsozialen mit den Bauernbündlern als starkes Rückgrat in Niederösterreich. Daher sprachen sich die Führer beider Parteien für eine Trennung aus, was auch in den übrigen Bundesländern gern gesehen wurde. Die offizielle Trennung erfolgte am 1. Jänner 1922. Wie sehr der Bauernbund nun im verbleibenden Niederösterreich dominierte zeigt, dass alle Landeshauptleute seit 1922 bis
heute mit einer einzigen Ausnahme (Siegfried Ludwig) aus dem NÖ Bauernbund kamen. Der erste war Johann Mayer, Bauer aus Bockfließ.
 Erste Bauernkammern
1922 brachte nicht nur die Trennung von Wien und NÖ – auch die Bauernkammern wurden gegründet.
Bauernbundsekretär Engelbert Dollfuß, später Bundeskanzler und erstes Opfer des Nazi-Terrors (Ermordung im Jahre 1934) arbeitete einen Gesetzentwurf zur Gründung einer Landwirtschaftskammer in NÖ aus, weil erkannt worden war, dass man eine gesetzliche Berufsinteressensvertretung benötigte. Der NÖ Landtag beschloss das Gesetz am 22. Februar 1922. Die anderen Bundesländer folgten dem Beispiel Niederösterreichs. Der Landtagsabgeordnete Josef Reither, später selbst Landeshauptmann und Kammerpräsident, bezeichnete als „ersten und heiligsten Zweck“ der neuen Kammer „die Förderung und Hebung der Bodenproduktion unseres Landes“. Erster Kammerpräsident wurde Josef Zwetzbacher nach einem Wahltriumph des NÖ Bauernbundes bei der ersten Kammerwahl.
Direktor Leopold Figl
Unter den vielen hervorragenden Persönlichkeiten aus dem NÖ Bauernbund nimmt Leopold Figl eine besondere Stelle ein.
Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte prägten immer wieder Bauernbündler aus Niederösterreich die Politik des Landes, zum Teil auch des Staates. Einer davon war Engelbert Dollfuß, 1934 von den Nazis als Bundeskanzler ermordet, ein anderer Leopold Figl, Bauernsohn aus Rust im Tullnerfeld, seit 1933 Direktor des NÖ Bauernbundes. Er gehört 1938, nach dem Einmarsch der Hitler-Truppen, zusammen mit anderen Bauernbundfunktionären, zu den ersten Opfern der Nationalsozialisten und musste Jahre im KZ verbringen. Dort gelobte er, zusammen mit Josef Reither, dem späteren Landeshauptmann, die Bauernbundwallfahrt nach Mariazell. Nach dem Krieg war Figl als Bundeskanzler und Außenminister Motor für die Freiheit Österreichs.
Hartmanns Agrarpolitik
In der Zweiten Republik dominierte der Bauernbund Österreichs Agrarpolitik – bis heute.
Nach dem Wiederaufbau Österreichs ab 1945 stand im Herbst 1950 zumindest in der sowjetischen Besatzungszone, wozu Niederösterreich gehörte, die Freiheit auf dem Spiel: Die Kommunisten machten einen Putsch und wollten eine „Volksdemokratie“ einrichten. Die Bauernbündler aus Niederösterreich unter Bauernbunddirektor Eduard Hartman traten zusammen mit antikommunistischen Arbeitern unter Franz Olah dem Treiben entschlossen entgegen und retteten Österreichs Freiheit. Eduard Hartmann wurde 1959 Landwirtschaftsminister unter Bundeskanzler Julius Raab und begann unter dem Motto „Agrarpolitik geht alle an“ der Öffentlichkeit die Wichtigkeit der Bauern klar zu machen. Unter ihm wurde das Landwirtschaftsgesetz verwirklicht, bis heute die Basis moderner Agrarpolitik.
Josefitag 71 als Symbol
Der NÖ Bauernbund bewährte sich als Motor moderner Agrarpolitik und als politischer Machtfaktor.
Der Bauernbund führte die Bauern in die moderne Zeit. Alois Scheibenreif kämpfte um eine gerechte Sozialpolitik mit Erfolg (Bauerkrankenkasse, Bauernpension!), Roland Minkowitsch, Matthias Bierbaum und andere für eine sinnvolle Marktordnung. 1970 stellte erstmals die SPÖ den Bundeskanzler und den Landwirtschaftsminister – für den Bauernbund begann damit eine Zeit der Abwehrschlachten und des zähen Verhandelns. Am 19. März 1971, dem Josefitag, führte Bauernbundobmann Landeshauptmann Andreas Maurer eine mächtige Bauerndemonstration an, die Kreisky zeigte: „Bis hierher, und nicht weiter.“ Seither gab es ein halbwegs befriedigendes Auskommen mit der SPÖ-Regierung.
Auch Demonstrationen mussten immer wieder als letztes Mittel eingesetzt werden und brachten praktisch immer, gemeinsam mit sachlichen Verhandlungen, zumindest Teilerfolge.
Neue Wege zum Konsumenten
Neue Zeiten erfordern neue Politik. Die letzten 20 Jahre der Bauernbundgeschichte waren von einem veränderten Verhalten der Konsumenten geprägt, die in einer Gesellschaft leben, die vom Lebensmittelüberfluss und Angeboten aus aller Welt gekennzeichnet ist. Um auf diesem Markt bestehen zu können, war und ist es wichtig, zuerst die einheimischen, zu einem gewissen Grad aber auch die ausländischen Konsumenten von der Qualität österreichischer, bäuerlicher Produkte zu überzeugen. Der NÖ Bauernbund setzte unter Bauernbundobmann Franz Blochberger und Bauernbunddirektor Hans Penz daher zahlreiche Initiativen, um die Konsumenten zu informieren. Es gab Plakataktionen, Inserate in wichtigen Medien, mehrere Sonderausgaben des „Bauernbündler“ an alle 600.000 Haushalte Niederösterreichs und zahlreiche Kulinarien und ähnliche Veranstaltungen, bei denen Lebensmittel aus Österreich präsentiert wurden. Außerdem galt es, die negativen Folgen des BSE-Skandals (obwohl es den in Österreich gar nicht gab) abzuwehren.

Die EU und die Folgen
Mit dem Zerfall der Sowjetunion öffnete sich für Österreich das Fenster für den Beitritt zur EU, und die Tatsache, dass es seit 1987 wieder eine große Koalition gab – mit einem SPÖ-Bundeskanzler und einem ÖVP-Außenminister – machte es innenpolitisch leichter, an diesen Beitritt zu denken. Dass dieser notwendig sei, darüber waren sich die damaligen Spitzenpolitiker – Vranitzky, Mock, Busek, Klima, Riegler, Fischler, Schwarzböck usw. – einig. Dennoch gab es im Staat große Skepsis, insbesondere bei den Bauern. In zahlreichen Diskussions- und Informationsveranstaltungen versuchte der NÖ Bauernbund, die Bauern auf die EU vorzubereiten. 1994 sprachen sich 66,39 Prozent der Österreicher für einen Beitritt aus. Mittlerweile hat Österreichs Landwirtschaft in der EU gut Fuß gefasst, die vom Bauernbund und der Regierung versprochenen Begleitmaßnahmen wie das Umweltprogramm ÖPUL, die Gründung der AMA, die u.a. für die Exportoffensive notwenig war, Förderung des Biolandbaues, Bergbauern-, Grenzland- und andere Sonderprogramme haben gegriffen. Da zahlreiche Programme und Förderungen auch die finanzielle Teilnahme des Bundeslandes erfordern, erwies es sich als besonders günstig, dass der amtierende Landeshauptmann, Erwin Pröll, ein Bauernbündler ist. Dennoch bleibt genug zu tun. Dass die EU von Krisen nicht gefeit ist, dass die Weltwirtschaft von einer Dynamik erfasst ist, die nicht immer für Österreichs Bauern günstige Auswirkungen hat, ist nicht zu bestreiten und bedeutet ständig neue Herausforderungen. Doch die Bauern vertrauen auch und gerade in dieser Situation dem NÖ Bauernbund – wie die bisher letzte Landwirtschaftskammerwahl in der Geschichte des Bauernbundes, 2005, mit dem bisher besten Ergebnis für den Bauernbund, eindrucksvoll bewiesen hat.

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