Nur wer starke Wurzeln hat kann kraftvoll wachsen!
2006 feiert der NÖ Bauernbund das 100jährige Jubiläum.

Nur wer starke Wurzeln hat, kann kraftvoll wachsen

Von Bauernbunddirektor Hans Penz

2006 feiert der Niederösterreichische Bauernbund das Jubiläum seiner Gründung vor 100 Jahren. Wir dürfen stolz auf die politische Kontinuität unserer Gesinnungsgemeinschaft sein. Der Bauernbund hat viel erreicht. Das Jubiläumsjahr soll für uns Anlass sein, uns zu besinnen und unseren Standort zu bestimmen.
Wie unerlässlich das ist, hat Leopold Figl in seiner Rede auf dem 16. Landesparteitag der ÖVP Niederösterreich am 12. November 1961 in Krems betont. Er stellte damals fest: „Die Menschen sind vergesslich. Sie vergessen leicht und gerne, was es an Hässlichem und Bösem in der Vergangenheit gegeben hat. Sie leben ausschließlich in der Gegenwart und machen sich höchstens noch Gedanken über die Zukunft.
Das ist so weit auch gut und richtig. Aber es muss in unserem Leben immer wieder Stunden geben, in denen wir aus einer Rückschau in die Vergangenheit Erkenntnisse für unsere Gegenwart und für unsere Zukunft schöpfen, denn nur aus dem Wissen um die Vergangenheit lässt sich die Gegenwart meistern und eine sinnvolle Zukunft gestalten.“
Leopold Figl würde vielleicht in einer Festrede zum heurigen Jubiläum ähnlich zu uns sprechen. Denn dieses Besinnen ist wichtig für die Standortbestimmung einer politischen Gesinnungsgemeinschaft.

Wahlen als Orientierungspunkt
Rückschau dient nicht nur der Erinnerung, sie dient auch der Orientierung. Was aber wäre für den Bauernbund als Orientierungspunkt für seinen Weg in das zweite Jahrhundert seines Bestehens, für die Fortsetzung seiner Arbeit besser geeignet als ein Blick auf die Jahre der Bauernkammerwahlen?
Im Gedenkjahr 2005 hatten wir Bauernkammerwahlen. Und wenn man auf das Bauernkammerwahljahr 2000 zurückblickt – was hat sich seit damals bewegt, hat sich verändert? Erinnern Sie sich noch? 2000 haben wir in Österreich noch mit dem Schilling bezahlt.
Im Juni 2000 hatten die Sanktionen der Europäischen Union gegen Österreich wegen der damals noch neuen konservativen Regierung unter Bundeskanzler Dr. Wolfgang Schüssel ihren Höhepunkt erreicht. Im Jahr 2000 hatte die EU noch 15 Mitglieder. Es gab noch keinen 11. September, Osama Bin Ladens Bekanntheit beschränkte sich auf wenige Regionen in der Welt, es gab keinen Irak-Krieg. Im Jahr 2000 gab es für die Landwirtschaft der EU die Agenda 2000 und die Hoffnung, erst heuer – 2006 – die GAP-Reform zu haben.
Und im Jahr 2000 gab es in Niederösterreich noch 54.551 Bauernhöfe, um 8316 mehr als im Kammerwahljahr 2005.

Wahlen bestimmen Kurswert
Wahlergebnisse sind die härteste Währung für den politischen Kurswert einer Organisation. Sie zeigen letztlich auch an, welchen Rang der NÖ Bauernbund in Österreich hat.
Der NÖ Bauernbund stellte eine Abgeordnete im Europa-Parlament. Einer unserer drei Ehrenobmänner ist Präsident der Europäischen Bauernverbände.
Wir haben einen Bauernbündler als Landeshauptmann, stellen in dessen Regierungsteam einen Landesrat und besetzen im NÖ Landtag elf Mandate. Von den 413 ÖVP-Bürgermeistern der NÖ Gemeinden sind 257 Mitglieder des NÖ Bauernbundes.
Was viele in anderen Bundesländern für unmöglich hielten, ist uns gelungen: Wir konnten bei der Kammerwahl 2005 den sensationellen Erfolg von 2000 noch um zwei Prozent auf über 91 Prozent steigern. Wir stellen 36 von 40 Landeskammerräten und 694 von insgesamt 734 Bezirksbauernkammerräten.
Unsere Akademikergruppe errang bei den Hochschülerschaftswahlen 2005 auf der Veterinärmedizinischen Universität einen Stimmenzuwachs und konnte die Mandate von zwei auf vier verdoppeln – obwohl an allen Unis die bürgerlichen Listen verloren haben. Außerdem schafften es unsere Funktionäre 2218 neue Mitglieder zu werben. Das sind so viele als mancher Länderbauernbund Mitglieder hat.

Wir haben viel erreicht
Jede politische Gesinnungsgemeinschaft wird danach beurteilt, wie sie sich für ihre Mitglieder einsetzt und was sie für die Interessen ihrer Mitglieder durchsetzt.
Wir konnten die Service-Karte, die wir als erste Teilorganisation der ÖVP für unsere Mitglieder eingeführt haben, immer wieder durch neue Leistungen attraktiver machen. Die Karte ist bekanntlich auch Polizze für eine Mitglieder-Kollektivversicherung für Arbeitsunfälle mit tödlichem Ausgang. Schon mehr als 2,2 Millionen Euro an Versicherungsleistungen wurden Hinterbliebenen als Überbrückungshilfe ausbezahlt. Außerdem konnten wir zur Grundleistung günstige Zusatzpakete aushandeln.
Die im Kammerwahljahr 2000 gegründete Bauernbund-Initiative „Forum Land“ ist zu einer Bewegung geworden, die uns landesweit viele neue Kontakte ermöglicht hat und auch viel beachtete Impulse in Niederösterreich setzte. Ich erinnere nur an den auch von der Kulturabteilung des Landes geförderten Wettbewerb für Literaten und Dichter aus dem ländlichen Raum.
Mit der Aktion „Bauern helfen Bauern“ zeigten wir im Hochwasserjahr 2002 was bäuerliche Solidarität ist.
Wir haben uns mit Aktionen und Kampagnen für faire Preise eingesetzt – und waren dabei landesweit einsame Spitze. Ich erinnere an die Aktionen, Plakate und Inserate, als der Schweinepreis völlig eingebrochen war. Wir haben eine in anderen Bundesländern nachgemachte Kampagne für die Rückeroberung des Konsumentenvertrauens in heimisches Rindfleisch nach der BSE-Krise geführt und haben uns mit Aktionen, Inseraten und Information der Konsumenten für die Milchbauern eingesetzt und gegen Dumpingpreise für die Qualitätsmilch unserer Bauern gekämpft.
Wir haben mit einer Kampagne erfolgreich ein bauernfeindliches Bundestierschutzgesetz entschärfen können. Damals haben uns Bauernvertreter aus anderen Bundesländern weder verstanden noch wirklich unterstützt.

Unser Wert – Nähe zum Mitglied
Der NÖ Bauernbund ist mehr als eine Interessenvertretung. Uns verbinden viele gemeinsame Werte. Was uns aber für unsere Mitglieder so wertvoll macht, ist unsere Nähe zu unseren Mitgliedern.
Unsere demokratisch gewählten Funktionäre besuchen jedes Jahr beim Inkasso alle bäuerlichen Haushalte und hören zu. Sie hören zu, auch wenn sie nicht immer nur Löbliches hören, und geben weiter, was sie hören, damit geantwortet werden kann, richtig gestellt werden kann oder auch der Wahrheit gemäß zugegeben werden muss, dass ein Ziel nicht erreicht, ein politischer Vorsatz nicht umgesetzt werden konnte.
Zu unseren gemeinsamen Werten gehört auch der tiefe Glaube, der uns verbindet und der uns jeden Herbst gemeinsam mit der Bauernbundwallfahrt nach Mariazell führt. Zu unseren Werten gehört aber auch gemeinsames Feiern – wie es uns unter anderem jeden Fasching beim Bauernbundball verbindet, der längst in Wien zu einem der schönsten und bestbesuchten Bälle geworden ist. Zu unserem Wert gehört auch die Verlässlichkeit, mit der wir unsere Aufgaben und Aufträge ausführen – in den Genossenschaften, Bauernkammern, in den Parlamenten und in den Regierungen.
Es waren auch diese Werte, die unseren politischen Vätern und dann uns vom Jahr 1906 bis zum Jahr 2006 Orientierung gegeben haben. Und daher haben wir das Recht, aber auch die Pflicht, das Jubiläum 100 Jahre NÖ Bauernbund mit großer Freude, aber auch mit Würde zu feiern.
Der NÖ Bauernbund ist ein Stück Geschichte unserer Heimat geworden. Der Bauernbund und viele Bauernbündler haben blau-gelbe Geschichte mitgeschrieben. Die Geschichte unseres Bundes und unseres Bundeslandes ist ein wesentlicher Teil unserer persönlichen Identität geworden. Wir im NÖ Bauernbund wissen, dass nur, was kraftvolle Wurzeln hat, auch kraftvoll wachsen kann. Das gilt aber auch für Gesinnungsgemeinschaften, und das gilt auch für Menschen: nur wer starke Wurzeln hat, kann kraftvoll wachsen. Und nur wer um seine Geschichte weiß, hat ein Gesicht, ist eine Persönlichkeit. Und wer um seine Herkunft weiß, kann eine Brücke in die Zukunft schlagen.

Kraftvolles Signal für die Zukunft
Die Feier des Jubiläums soll ein kraftvolles Signal für die Zukunft unseres Bauernbundes werden. Vorgesehen sind:

  • Ein Entedankfest in allen Bezirken.
  • Eine Ausstellung zum Thema „100 Jahre Landwirtschaft im Wandel“ in den Gemeinden.
  • Es soll die Landschaft mit dem begrünten Schriftzug „100 Jahre Bauernbund“ gestaltet werden.
  • Gemeinsam werden wir am 24. Juni in einer zentralen Feierstunde an alle Orte zurückkehren, die untrennbar mit der Geschichte des Bauernbundes, Niederösterreichs und Österreichs verbunden sind.

Wir Bauern denken in Generationen und in den Dimensionen der Nachhaltigkeit. Wir pflegen Traditionen und wollen was wir erarbeitet haben weitergeben an unsere Erben, wie wir das Erbe unseren Vorfahren übernehmen durften.
Viel hat sich in den vergangenen fünf, sechs Jahren verändert. Neue Herausforderungen werden wir gemeinsam in Partnerschaft zu bewältigen haben und bewältigen können.
Wir können das dann, wenn wir uns für das Jubiläumsjahr 2006 und alle folgenden Jahre an ein weises Wort des großen Humanisten Thomas Morus halten, der geschrieben hat: „Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“

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